Erika Grütze

Begrüßungsrede von Erika Grütze
zur Eröffnung des Festes — 100 Jahre
Landhaus Marsdorf in Familienbesitz
am 17. Mai 2003

Es war einmal — ein Indianerhäuptling, der fuhr mit der Eisenbahn zu einer Vertragsverhandlung. Am Zielort stieg er aus, ging ein Stück von den Gleisen fort und setzte sich auf den Boden.

„Warum tust du das?“
fragten ihn seine Verhandlungspartner verwundert.

Seine Antwort:
„Die Fahrt war für mich viel zu schnell. Mein Körper sitzt jetzt zwar hier, aber ich muss warten, bis auch mein Geist angekommen ist.“

 

Liebe Gäste und Freunde,

manchmal tut es auch uns gut innezuhalten, um einmal auf andere Gedanken zu kommen, abzuschalten, auszuspannen, und zu feiern.

Grund zum Feiern haben wir wahrhaftig, denn 100 Jahre ist unser Landhaus Marsdorf im Besitz unserer Familie!

Es ist für uns das schönste Fleckchen Erde auf dieser Welt, unsere Heimat.

Geteilte Freude ist doppelte Freude, sagt der Volksmund.
Sie alle, die Sie unserer Einladung gefolgt sind, verdoppeln unsere Freude. Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, um diesen einmaligen Tag in unserem Leben mit uns gemeinsam zu feiern. Unsere Annett und Oma, Mathias und ich und das Landhaus-Team begrüßen (alle Festgäste) Sie von Herzen.

Für die lieben Glückwünsche und Geschenke und für die Unterstützung zur Verwirklichung unserer Skulptur, möchten wir uns ganz herzlich bedanken.

 

Liebe Gäste,

wenn man 100 Jahre zusammen lebt, dann hat man viel erlebt. Das gilt für Menschen — und es gilt auch für unser Landhaus.

Wie fing alles an?

Die Geschichte unseres Hauses, kann man nachweislich bis in das Jahr 1681 zurückverfolgen, das sind immerhin mehr als 300 Jahre. Bereits 1864 wurde der Gasthof erbaut, das war die Zeit, als König Johann der Friedliche Sachsen regierte.

1867 war für das Landhaus ein sehr wichtiges Jahr. Warum? Weil drei Rechte erkauft wurden:
1. Das Schankrecht, 2. das Recht Tanzveranstaltungen durchzuführen und 3. das Recht des Bankschlachtens.

Das Landhaus-Märchen begann für unsere Familie vor 100 Jahren.

1903 war jene Zeit, in der die Deutschen massenhaft auswanderten: mehr als 10% der Bevölkerung. Für Martha und Hermann Trepte kam das nicht in Frage. Sie blieben im Lande und übernahmen als erste Generation unserer Familie den Gasthof mit der kleinen Landwirtschaft. Das junge Glück bekam 1916 ein Töchterchen, die kleine Dora.

Was passierte in jener Zeit noch Aufregendes in Marsdorf?

Ich zitiere aus der damaligen Heimatzeitung: „1927 Dienstag Nacht ¾ 10 Uhr brach im hiesigen Gasthof ein Feuer aus, das auf das Nebengebäude übergriff. Beide Häuser brannten bis auf die Grundmauern nieder. Den Anstrengungen der Wehren Marsdorf, Medingen und Lausa ist es gelungen das Feuer auf beide Gebäude zu beschränken.“

Im gleichen Jahr, ebenfalls 1927 wurde die elektrische Straßenbeleuchtung erstmalig in Betrieb genommen. Man stellte fest, dass die geschaffenen sieben Lampen unsere Dorfstraßen genügend beleuchten – und somit jeder den Weg zum Gasthof fand. Sieben Lampen – wie viele Straßenlampen gibt es heute?

Und jetzt passen Sie auf, liebe Gäste, was im Dezember 1928 in der Zeitung stand. Ich zitiere: „Unser lieber „Schenkwirt“, Herr Gasthofsbesitzer Hermann Trepte konnte am Montag mit seiner Gattin die Silberhochzeit feiern. Wegen ihrer Beliebtheit wurden dem Jubelpaare Ehrungen im reichen Maße zuteil. Schon im Sommer jährte sich zum 25. Male der Tag der Übernahme des hiesigen Gasthofes. Möge es dem Ehepaar vergönnt sein, noch recht lange die Gastwirtschaft in dem Sinne, wie bisher, weiter zu führen.“

1935 — erfolgte der zweite Generationswechsel. Tochter Dora und Ihr Mann Richard Naumann, mein Vati, übernahmen Haus und Hof. Sie begannen mit dem Ausbau des Gasthofes, erweiterten den Saal und das Restaurant und bauten das Treppenhaus an. Nicht zu vergessen: …für das kühle Blonde wurde schon 1935 ein Kühlhaus gebaut. Es ist heute noch immer in Betrieb.

Ein großes Herzensbedürfnis ist es mir, folgendes festzustellen:
Die Marsdorfer Vereine haben unseren Gasthof seit jeher mit einbezogen. Dies ging vom damaligen Männergesangverein über Turn-, Jugend- und Handwerkerverein bis hin zum heutigen Heimatverein.
Danke für diese Treue! Ihr habt mit uns die Feste gefeiert wie sie fallen.

Höhepunkte im Jahr waren immer der Heiratsmarkt an Himmelfahrt, das Erntedankfest mit Vogelschiessen und die Kirmes, immer mit Tanz.

Bald darauf folgte eine Zeit, die für niemanden schön war, begleitet von Verlust und Leid. Während der Kriegsjahre wurde das Haus unter großen Beeinträchtigungen geführt. Das schlimmste aber: Vati´s Frau erlag sehr jung einer damals nicht heilbaren Herzkrankheit. Und wie sollte es nun weiter gehen?

1950 heiratete Vati seine zweite Frau, meine Mutti. Ihr Mann war im Krieg gefallen. Sie brachte ihren Sohn Siegfried, damals 7 Jahre, mit in die Ehe. Meine Schwester Ingeburg wurde 1950 geboren und ich 1953. Einen Bruder zum Spielen hatten wir schon.

Mit großem Tatendrang und unternehmerischem Weitblick legten Vati und Mutti den Grundstein für das heutige Landhaus Marsdorf. Bereits in den 60er Jahren kam das Kleinod dank seiner familiären und warmen Atmosphäre und der ausgezeichneten Küche zu gutem Ruf.

Wir drei Kinder stellten in dieser Zeit natürlich auch die Weichen für unsere Zukunft.
Mein Bruder Siegfried lernte Fleischer und übernahm mit seiner Frau Irene 1966 die Fleischerei auf der Louisenstraße in Dresden. Heute gehören vier Filialen zum Unternehmen.
Ingeburg wurde Buchhalterin. Schon bald stand auch für sie fest, ihren Platz in der Gastronomie zu finden. Mit ihrem Mann Hans-Ulrich Wetzig übernahm sie 1978 die Kleine Dorfschänke Berbisdorf und 1987 wurde der Landgasthof Berbisdorf ihr neues zu Hause.
Ich selbst lernte Köchin in der „Waldschänke“ in Moritzburg und nach der Lehre unterstützte ich meine Eltern in unserem Gasthof. 1973 haben wir, Mathias und ich, geheiratet. Mathias ist Maurer — aber im Service und im herzlichen Kontakt zu unseren Gästen fand er seine Berufung.

Nach der Geburt unserer Kinder Annett, und René kam es vor 25 Jahren zum dritten Generationswechsel: Mathias und ich übernahmen den Gasthof Marsdorf an einem so sonnigen Tag wie heute.

Liebe Gäste, auch der nächste Generationswechsel ist lange geplant und gut vorbereitet.
Unsere Annett begann 1990 Ihre Ausbildung zur Köchin in Gerolzhofen. Ein Schüleraustausch führte sie nach Frankreich und zum Fischkurs nach Bremerhaven. Danach ging sie in das renommierte Hotel „Bachmair“ am See in Rottach–Egern, zum Feinkostkäfer nach München und in das Sterne-Restaurant „Waldhorn“ in Ravensburg zu Herrn Albert Bouley. Mit Engagement und vielen neuen Erfahrungen kam Annett zurück und trat am 01.04.1999 in unsere Landhaus Marsdorf Hotel- und Restaurant Betriebsgesellschaft mbH als Mit- Gesellschafterin und Mit-Geschäftsführerin ein.
Unser René begann 1992 seine Lehre als Fleischer. Voller Energie und Lebensfreude sah er in seine Zukunft. Leider kam unser René mit 19 Jahren bei einem Autounfall 1994 ums Leben. Die Nachricht löste tiefe Trauer in unserem Herzen und unser Umgebung aus. Unsere Freunde und Gäste mochten René, seine humorvolle und gelöste Art. Auch für unseren René setzen wir fort, was wir mit ihm gemeinsam begonnen haben.
1994 — es war ein Jahr geprägt von Verlust und Leid. Denn es verstarb auch mein Vati Richard Naumann, zwei Monate vor seinem Enkel René. Im Oktober des gleichen Jahres verunglückte auch mein Schwager Hans-Ulrich Wetzig.
Es gibt, liebe Gäste, schwere Wege im Leben, die wir ganz alleine gehen müssen, obwohl liebe Menschen nie von unserer Seite weichen.
Für die Unterstützung in dieser schweren Zeit danken wir ganz besonders Dir, liebe Annett. Ohne Dich hätten wir das alles nicht geschafft.

Mit der Wende sahen wir eine neue Chance für unsere weitere Entwicklung. Täglich die Frage: „Haben Sie auch Zimmer?“
Uns wurde schnell klar:
Der Herzenswunsch ein Hotel zu bauen war eine sehr gute Entscheidung. Am 17.05.1993 haben wir unser Hotel feierlich eröffnet. Mit großer Freude sehen wir, wie unser Haus mit dem Hotel an Attraktivität gewinnt und wir immer wieder neue Gäste für uns begeistern können.

Deshalb haben wir heute zweifachen Grund zum Feiern: 100 Jahre Landhaus Marsdorf in Familienbesitz und den 10. Geburtstag unseres Hotels.

„Wer glaubt, etwas zu sein, der hat aufgehört etwas zu werden.“ Das war der Leitspruch von Henry Ford. Es ist auch unser Leitspruch. Deshalb halten immer wieder neue Ideen Einzug. Der herzliche Kontakt zu unseren Stammgästen sowie das Qualitätsbewusstsein haben Vorrang vor all unserem Tun.

Und wissen Sie, was für uns das schönste Kompliment ist?
Wenn ein Gast sagt: „Ich wäre so gerne noch geblieben.“

Liebe Festgäste, wir haben uns schon oft Gedanken darüber gemacht, was
- das Besondere,
- das Unverwechselbare,
- den Charakter eines Hotels ausmacht.

Ist es das Bild des Briefbogens?
Ist es die Größe und Farbe des Hotelprospektes?
Ist es die Ausstattung der Zimmer?
Nein, den Stil eines Unternehmens, seine Kultur, den prägen in erster Linie seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wir sind stolz darauf, Mitarbeiter zu haben,
- die sich verantwortlich fühlen,
- die engagiert sind,
- die wissen, dass ihre Arbeit wichtig für uns alle ist.

Liebes Team,
herzlichen Dank für Eure Natürlichkeit und Eure täglichen Höchstleistungen, die ihr auch heute wieder unter Beweis stellt. Man spürt mit wie viel Liebe und Man spürt mit wie viel Liebe und Harmonie ihr Eure Aufgaben erfüllt. Jeder in unserem Team ist ein glühendes Sternchen und leuchtet an unserem Landhaus-Himmel.

Bei unseren langjährigen und treuen Lieferanten möchten wir uns ganz herzlich für die Unterstützung, bedanken. Auch sie haben zu einem großen Teil dazu beigetragen, dieses Fest für uns unvergessen zu machen.

Liebe Gäste, bevor ich zum Schluss komme, will ich Ihnen noch schnell erzählen, was einmal August dem Starken passiert ist. Er ritt durch die Marsdorfer Wiesen und Felder. An einem sonnigen Hang sah er den ehrwürdigen alten Herrn Meißner mit gekrümmten Rücken arbeiten. Gefolgt von seinem Hofstaat trat der König näher und sah, dass Opa Meißner kleine, gerade ein Jahr alte Stecklinge pflanzte. „Was machst du da?“ fragte der König. „Ich pflanze Nussbäume“, antwortete der Greis.
Der König wunderte sich: „Du bist schon so alt. Wozu pflanzt du dann noch Stecklinge? Du kannst ihr Laub nicht mehr sehen. Du kannst in ihrem Schatten nicht mehr ruhen. Auch ihre Früchte wirst du nicht mehr essen.“
Opa Meißner richtete sich auf, schaute dem König in die Augen und sprach mit großem Ernst: „Die vor uns kamen, haben gepflanzt, und wir konnten ernten. Wir pflanzen nun, damit die, die nach uns kommen, auch ernten können.“
Sprach´s und pflanzte weiter seine Stecklinge.

Wie in der Geschichte werden auch wir für unsere Nachkommen pflanzen… wie es für uns schon unsere Vorfahren getan haben.

Die Tradition lebt in unserer Familie und wird seit Generationen in die Hände des Nächsten gelegt — und liebevoll gepflegt. Voller Zuversicht und Vertrauen schauen wir auf eine harmonische Zukunft.

Jetzt aber will ich Sie nicht länger davon abhalten, mit uns in fröhlich, lockerer Runde zu feiern.
Essen wir miteinander, trinken wir miteinander, lachen wir miteinander!
Denn wer feste arbeitet darf der nicht auch feste feiern?
Ich wünsche uns allen frohe und gemütliche Stunden.

Ich bitte Sie nun alle, das Glas zu erheben und anzustoßen
auf die erreichten 100 Jahre, auf den heutigen Tag
und auf Ihr persönliches Wohl!
PROST!